Versuch über das verstolperte Leben

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Vom Schaffen und Scheitern eines Impresarios, der einst hoffnungsvoll auszog, Theater zu machen und dabei mehr als einmal ins Straucheln geriet. Also erfand er auf seine alten Tage hin ein zweites Standbein namens EINSTEIN. Ein Erfolg als persönliches Drama. Mit der Krise kam das Schreiben: Versuch über das verstolperte Leben. Sechs Jahre Nachdenken und Schreiben und der Aufwand stellte sich als Ertrag heraus. »Als ich ihn gefragt habe, wo er denn die Ursache dafür sehe, warum ich mir gegen meinen Willen immer und immer wieder selbst das Bein stelle, meinte er: Lukas, ich spazier' mit Ihnen jederzeit einmal um den Genfersee, damit wir darüber reden können, aber herausfinden müssen Sie es selber.«

Autorentext
Lukas Leuenberger (1962), verwirklicht als freischaffender Produzent ab 1983 Theaterprojekte. Zuletzt 2004 Friedrich Schillers Wilhelm Tell, mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar auf dem Rütli, mit Bühnenskulpturen von Günther Uecker; und 2006 Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill, in Berlin, unter der künstlerischen Leitung von Klaus Maria Brandauer, mit Campino als Mackie Messer. Zwischen 2009 und 2011 realisiert er das Kaffeehaus im Berner Einstein-Haus und lässt es sich wegnehmen. Seitdem hält er sich strikt von Stolperfallen fern und sitzt in Deckung seine Restlaufzeit ab.

Leseprobe
Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich. Erich Kästner Was ist passiert? Am 17. April 2011 wurde ich liquidiert. Brave Bürgersleut, die ich zuvor in mein Projekt geholt hatte, fanden es vorteilhaft, mich an diesem strahlend schönen Sonntagnachmittag vor die Tür zu setzen. Ich stand ihnen vor der Sonne. Ein halbes Leben eher schlecht als recht in der Kultur schaffend, sehnte ich mich nach einer Existenzgrundlage, die mir ein zuverlässigeres Einkommen und damit eine gewisse Gemütsruhe verschaffen sollte. Über zwei Jahre dieses Ziel vor Augen, hatte ich aus einer lange unvermieteten Spelunke, allen Widrigkeiten zum Trotz, und unter aufreibendem Dauereinsatz, eine außergewöhnliche Lokalität fabriziert, die seither zu den bestbesuchten In-Plätzen der Stadt Bern gehört. Man findet sie im Einstein-Haus. Ich taufte den Laden auf den Namen »EINSTEIN Kaffee & Rauchsalon«. Wenige Tage nach der Eröffnung hatte ich da nichts mehr zu suchen. Unmittelbar nach der höchst unfreundlichen Übernahme war klar: Das Einstein-Projekt konnte zum Anlass meiner Selbstzerstörung werden. Man hatte mich kurzerhand um meine Zukunft gebracht. Nachdem ich dem Rausschmiss-Tribunal der drei Kleinanleger gnadenlos ausgeliefert erschöpft, unter größtem psychischem Druck und damit komplett unzurechnungsfähig, die Urkunde meiner Entsorgung entgegengenommen hatte, bin ich mir augenblicklich abhanden gekommen. Aus mir selbst herausgefallen. Lukas Leuenberger außer Betrieb. Ende. Finito. Zero. Ein Jahr lang habe ich, von Ohnmacht gelähmt und blind vor Wut, versucht, Gerechtigkeit herzustellen. Auf verlorenem Posten, wie sich bald zeigen sollte. Profiteure halten zusammen. Im Jahr zwei nach dem 17. April 2011 herrschte dann nur noch Agonie. Kaum in der Lage, die täglichen Dinge zu erledigen, verbrachte ich die wertlos gewordene Zeit im Bett oder alkoholisiert im Sexkino. Die Schockstarre wurde nur unterbrochen von mehrmals täglich und nächtlich auftretenden unkontrollierbaren auto-aggressiven Wutausbrüchen. Noch heute könnte ich mich jedes Mal unnarkotisiert kastrieren, wenn die Erkenntnis mich fertigmacht, dass ich es selber war, der mir diese Kuckuckseier ins Nest gelegt hatte. Einmal mehr bin ich grandios gescheitert. Dieses Mal aber gibt es keine Ausreden mehr. Hier ging es nicht um eine schwer kalkulierbare Riesen-Freilichtproduktion mit Wetterrisiko, nicht um Millionenbudgets, die aus dem Ruder laufen können. Nein, diesmal war alles bis ins Detail geregelt. Die Voraussetzungen waren bestens. Das Einstein wurde denn auch wie geplant zur Erfolgsgeschichte nur nicht für mich, sondern für jene, die mit ihrem Mini-Einsatz das Maxi-Los zogen. Leben kann scheitern Leben kann auch eitern. Wo ist mit mir wann was passiert, dass mir das permanent passiert? Die Einstein-Katastrophe ist für mich zum Schlüsselerlebnis geworden, zur Quintessenz des Scheiterns. Wie finde ich aus diesem Dauer-Flashback wieder heraus? Bis heute gänzlich außerstande, über mögliche neue Perspektiven auch nur nachzudenken, muss ich das Einstein-Trauma dazu nutzen herauszufinden, warum mein Leben so gründlich misslungen ist, warum ich meine Arbeit oder meine Ideen immer wieder verpfuscht habe. Ich muss meine Restenergie dafür mobilisieren, diesem Zustand etwas entgegenzusetzen. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schreiben. Kein Wittgenstein, aber möglicherweise ein Notausgang. Denkbar, dass ich auch dabei scheitern werde. Beim Schreiben ist man allerdings allein, und der allfällige Super-Gau beschränkt sich auf ein paar schlechte Seiten Text. Das wäre immerhin ein Fortschritt. Mai 2013 Was ist dann noch passiert Nachwort zur Neuauflage Frühjahr 2021 und mein Versuch über das verstolperte Leben kann in Neuauflage erscheinen. Wie schön ist denn das! Das Schönste dabei ist das: Ich habe großzügig gestrichen, was sich für mich unterdessen erledigt hatte. Im November 2019, als ich das erste Buchexemplar in Händen hielt, war ich durchaus zufrieden. Doch bald fielen sie mir auf, die naheliegenden Striche, die ich bislang übersehen hatte. Gedruckt las sich das Geschriebene auf einmal völlig anders; das Zuviel an Szenen, die mich einstens quälten, verstellte den Blick auf das Eigentliche. Der Gipfel der Freiheit war es, tilgen zu können, was ich dank gewonnenem Abstand nun tilgen musste. Es kommt die Zeit, ich weiss das schon, aber ich bin noch nicht so weit, da werde ich jenes Ereignis auf einen Satz runterbrechen können: Da ist mal was passiert, aber das ist jetzt auch egal. Und dann noch dies Am 25. Dezember 2019 ist meine Mutter friedlich eingeschlafen. Die geläufige Redensart trifft es in ihrem Fall sogar. Kein sträubendes Festklammern, keine Todesfurcht. Es hatte sich abgezeichnet, sie wollte gehen. Seit Längerem nahm sie nichts Festes mehr zu sich, ein untrügliches Zeichen bei alten Menschen. Tage zuvor saßen wir noch bei ihr zusammen. An Heiligabend habe ich sie angerufen, meinen Besuch angekündigt, für den Stefanstag. Am 25. Dezember, morgens zu Mutters Todesstunde, stand ich nichtsahnend in Untersiggenthal, am Grab von Eva-Maria und Walo Lüönd, habe meine Rosen drapiert, Kerzen angezündet und mit Untersiggenthaler auf unsere Freundschaft angestoßen. Zurück in Bern ging es noch ans Walser-Grab, alsdann zu Nelly Jost und ­Peter Schlegel. Wie Chaplin und Robert Walser, dachte ich, sowie ich abends von Mutters Tod erfuhr. Am Weihnachtstag! Als hätte sie sich souverän diesen Feiertag ausgesucht und der Feiertag sie. Und als hätte sie es kommen sehen, dass das nächste Jahr nichts Besseres bringen wird, als die letzten leidvollen Jahre in Isolation. Gar Schlimmeres noch. Besuchsverbot im Altersheim und Maskenzwang dergleichen zumindest musste Mutter nicht auch noch erdulden. Wo war ich, als 2020 passierte? Zuhause. Wo bin ich, während 2021 passiert? Ja, genau! Wo werde ich sein, wenn 2022 passieren wird? Das möchte ich im Moment gar nicht wissen. Den radikalen Rückzug ins Private hingegen habe ich schon eine ganze Weile freiwillig geübt, bevor er offiziell verordnet wurde. »Es ist schon alles gesagt, nur nicht von allen.« Sie sagen es, Karl Valentin. Ein Sermon zur globalen Geisterstunde erübrigt sich. Aber was wird aus uns? Was mich angeht, fand ich abermals Halt bei Robert Walser. Poetenleben, ganz zum Schluss: Derart lebte er hin. Was aus ihm wurde, wie es ihm später ergangen sein mag, entzieht sich unserer Kenntnis. Weitere Spuren vermochten wir einstweilen nicht zu entdecken. Vielleicht wird uns das ein anderes Mal gelingen. Was noch irgendwie zu unternehmen sein kann, wird sich zeigen. Wir wollen sehen, und sobald etwas Neues ausfindig zu machen gewesen sein wird, …

Weitere Informationen

  • Allgemeine Informationen
    • Schöpfer Schweiz Bern Otto von Bern Verlag
    • Sprache Deutsch
    • andere Bern, Schweiz Otto von Bern Verlag
    • Titel Versuch über das verstolperte Leben
    • Veröffentlichung 30.04.2021
    • ISBN 978-3-88747-901-5
    • Format Paperback
    • EAN 9783887479015
    • Jahr 2021
    • Größe H235mm x B157mm x T24mm
    • Autor Lukas Leuenberger
    • Gewicht 550g
    • Auflage aktualisierte Neuausgabe
    • Genre Schauspieler & Musiker Biografien
    • Lesemotiv Auseinandersetzen
    • Anzahl Seiten 304
    • Herausgeber Transit Buchverlag GmbH
    • GTIN 09783887479015

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