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Etablierte und Außenseiter zugleich
Details
Die palästinensische Bevölkerung vertritt nach außen hin häufig ein homogenes Bild der eigenen nationalen Identität. Bei näherem Hinsehen erweist sich dieses Bild jedoch als trügerisch und in sich brüchig. Dieser Band nutzt Methoden und Konzepte der soziologischen Biografieforschung und der Figurationssoziologie, um den Nahostkonflikt jenseits der Polarität zwischen "Israelis" und "Palästinensern" zu analysieren. In einem Vergleich von fünf städtischen Regionen wird die Bedeutung von Zugehörigkeit, kollektiven Selbstbildern und unterschiedlicher Formen sozialer Differenzierung ergründet.
Autorentext
Gabriele Rosenthal ist Professorin für Qualitative Methoden an der Universität Göttingen.
Leseprobe
Vorbemerkung
Der vorliegende Band beruht auf einer von deutschen, palästinensischen und jüdisch-israelischen SozialwissenschaftlerInnen zwischen 2010 und 2015 durchgeführten Forschung zu Palästinensern und Israelis in unterschiedlichen Figurationen von Etablierten und Außenseitern sowohl im Westjordanland als auch in Israel.
Wir möchten uns bei den vielen Menschen in Israel und Palästina bedanken, die zu einem Gespräch mit uns bereit waren und uns Einblicke in ihr Leben und in ihre je persönliche Geschichte gewährten. Ohne ihre Unterstützung wären unsere Forschung und dieses Buch nicht möglich gewesen. Aus Gründen des Datenschutzes können wir ihre Namen leider nicht nennen. Da eine Identifizierung der Personen vermieden werden soll, sind alle Namen der von uns interviewten Menschen, ebenso von deren Angehörigen und Freunden maskiert wie auch andere persönliche Daten stark verändert.
Ebenso möchten wir uns bei allen MitarbeiterInnen bedanken, die neben den AutorInnen dieses Bandes in unserem Projekt zeitweise mitarbeiteten, Interviews und erste Analysen durchführten. Dazu gehörten: Mariam Abdul Dayem (Tel Aviv), Eva Bahl (Göttingen), Amany Bawardy (Nazareth), Michal Beckenstein (Tel Aviv), Khansaa Diab (Jerusalem), Isabella Enzler (Göttingen), Filip Habib (Berlin), Yahya Hijazi (Jerusalem), Tal Litvak-Hirsch (Beer Sheva), Majd Qumsieh (Bethlehem), Amina Rayan (Berlin), Sveta Roberman (Jerusalem), Katharina Teutenberg (Göttingen) und Aida Saifi (Jerusalem).
Ganz ausdrücklich sei an dieser Stelle auch jenen palästinensischen MitarbeiterInnen aus dem Westjordanland für ihre Hilfeleistung und Mitarbeit gedankt, die aufgrund des Boykotts der Kooperation mit israelischen Universitäten, dem sich mittlerweile alle universitären Einrichtungen des Westjordanlands angeschlossen haben, und der während unseres Projekts zunehmenden Zurückweisung jeglicher Zusammenarbeit mit jüdisch-israelischen WissenschaftlerInnen und Institutionen hier nicht namentlich genannt werden möchten. Nach den Richtlinien zum Boykottaufruf werden Kooperationen mit israelischen Forschungseinrichtungen - jedoch nicht automatisch mit deren Mitgliedern als individuelle WissenschaftlerInnen oder Personen - mit der Begründung zurückgewiesen, dass akademische bi- und multilaterale Projekte auf einer falschen Symmetrieannahme "zwischen Unterdrückern und Unterdrückten", "Kolonisatoren und Kolonisierten" beruhen würden, daher "intellektuell unredlich und moralisch verwerflich" seien und zur "Normalisierung" beitrügen.
Auch wenn die einzelnen Kapitel dieses Bandes jeweils unter den Namen der hauptverantwortlichen Verfasserinnen und Verfasser erscheinen, möchte ich dennoch darauf hinweisen, dass die in den Kapiteln 1 bis 11 präsentierten empirischen wie theoretischen Erkenntnisse, die in dem qualitativ arbeitenden und von der Herausgeberin geleiteten Team erarbeitet wurden, sowohl bei der Analyse und Deutung von empirischen Befunden als auch bei der Formulierung theoretischer Synthesen auf Diskussionen im gesamten Team beruhen.
Einleitung?
Gabriele RosenthalImmer wieder erlebe ich in Israel, dass meinen MitarbeiterInnen und mir jemand - wie zum Beispiel ein jüdischer Taxifahrer, den man in Westjerusalem um eine Fahrt nach Ostjerusalem bittet - unaufgefordert seine Meinung über die Araber im Lande kundtut. Diese Äußerungen sind nicht selten äußerst unfreundlich, vorurteilsbeladen und wenig differenzierend. Manchmal erfolgt jedoch die ergänzende Bemerkung: "Die Christen sind ja etwas anders."
Die Unterscheidung der Palästinenser in Araber und Christen verweist auf zwei sehr wesentliche Merkmale der in Israel nicht selten sowohl im Alltag als auch in den Medien oder in politischen und wissenschaftlichen Kontexten zu erlebenden Diskurse über die Palästinenser. Zum einen wird mit dem Verweis auf die Araber eine sehr weitumfassende Generalisierung und auch Homogenisierung des Bildes über sie - wir sprechen in Anlehnung an Norbert Elias von Sie-Bildern - vorgenommen. Zum anderen findet dann jedoch wiederum eine Differenzierung zwischen Arabern und Christen statt, die damit die christlichen Palästinenser aus der Gruppierung der Palästinenser ausschließt.
Mit anderen Worten ist das Fremdbild über die Palästinenser in den herrschenden Diskursen in Israel homogenisierend, stark verallgemeinernd und spaltend zugleich. Hierbei gilt zu bedenken, dass es generell zu den typischen Machtquellen der Etablierten gehört, dass sie in der Lage sind, sozial wirksam zu definieren, wie die einzelnen Gruppierungen eingeteilt werden und damit auch, wer zu einer Minderheit gehört und wer nicht bzw. wie überhaupt Minderheiten definiert sind. Dass ihre eigenen Interessen - im Sinne eines divide et impera - dabei nicht zu kurz kommen, versteht sich fast von selbst. Während die circa 20 Prozent der arabischen Israelis, wie sie in der offiziellen Amtssprache Israels ohne Bezug auf ihre Selbstdefinition kategorisiert werden, im medialen, alltagsweltlichen, politischen und auch wissenschaftlichen Diskurs als Minderheit bezeichnet werden (vgl. Kook 2002: 66ff.), gehören dagegen viel kleinere Gruppierungen von jüdischen Israelis - aus sehr unterschiedlichen Regionen dieser Welt - entsprechend dieser Definition zur Mehrheit der Juden des Landes.
Entscheidend ist auch, dass Juden mit arabischer Abstammung nicht zur Gruppierung arabischer Israelis gezählt werden. Der Diskurs darüber beginnt sich jedoch seit etlichen Jahren immer stärker zu öffnen und manche jüdische Israelis, deren Familien aus arabischen Ländern stammen, positionieren sich inzwischen in den Medien sowie im wissenschaftlichen Diskurs als arabische Juden (vgl. Shenhav 2006; Shohat 1999). Die nicht-jüdischen arabischen Israelis werden in administrativen Kontexten und auch in den hegemonialen öffentlichen Diskursen wiederum unterteilt in unterschiedliche ethnische und religiöse Gruppierungen. Zwar ist seit 2005 in den von der israelischen Regierung ausgestellten Personalausweisen israelischer Staatsangehöriger kein direkter Hinweis auf die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit mehr eingetragen, doch die Spaltungspolitik gegenüber Christen und Muslimen hat sich in den letzten Jahren weiter verstärkt. So wurde im Februar 2014 im israelischen Parlament, der Knesset, ein Gesetz verabschiedet, das zum ersten Mal christliche Araber als eine spezifische Minderheit definiert. Des Weiteren und damit in Verbindung stehend werden innerhalb Israels verstärkt Debatten über eine Verpflichtung christlich-israelischer Palästinenser zum israelischen Militärdienst geführt (vgl. McGahern 2011; Newman 2014).
Eine weitere Segregation bedeutet der Status der Palästinenser in Ostjerusalem, die zwar von den israelischen Behörden eine Jerusalemer ID (Identity Card) erhalten, nach der gängigen Rechtsauffassung israelischer Gerichte jedoch als staatenlos gelten (vgl. Kap. 7). Ebenso werden religiöse und ethnische Differenzierungen in der Politik israelischer Regierungen geschickt zu einer weiteren Segmentierung der palästinensischen Gesellschaft genutzt (vgl. Lybarger 2007a; Shehadeh 2007).
Dieses keineswegs neue Instrument einer diskursiven Trennung von Mehrheits- und Minderheitsgruppierungen und eine…
Weitere Informationen
- Allgemeine Informationen
- GTIN 09783593504834
- Editor Gabriele Rosenthal
- Schöpfer Gabriele Rosenthal, Ahmed Albaba, Murad Amro, Zeina Barakat, Johannes Becker, Mohammed Dajani Daoudi, Hendrik Hinrichsen, Adi Mana, Serene Mjally-Knani, Shifra Sagy, Anan Srour, Nicole Witte, Arne Worm, Rixta Wundrak
- Beiträge von Ahmed Albaba, Murad Amro, Zeina Barakat, Johannes Becker, Mohammed Dajani Daoudi, Hendrik Hinrichsen, Adi Mana, Serene Mjally-Knani, Gabriele Rosenthal, Shifra Sagy, Anan Srour, Nicole Witte, Arne Worm, Rixta Wundrak
- Sprache Englisch, Deutsch
- Auflage 1. A.
- Größe H215mm x B140mm x T18mm
- Jahr 2015
- EAN 9783593504834
- Format Paperback
- ISBN 978-3-593-50483-4
- Veröffentlichung 31.10.2015
- Titel Etablierte und Außenseiter zugleich
- Untertitel Selbst- und Fremdbilder in den palästinensischen Communities im Westjordanland und in Israel
- Gewicht 425g
- Herausgeber Campus Verlag GmbH
- Anzahl Seiten 344
- Lesemotiv Verstehen
- Genre Stadt- & Regionalsoziologie