Kritik der auseinanderdriftenden Gesellschaft

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In den 1970er-Jahren begann in Westeuropa und den USA der politische Gegenschlag gegen die Ausweitung der sozialen Rechte, die bis dahin hatten durchgesetzt werden können. Im »Krieg zwischen Bürgerrechten und kapitalistischem Klassensystem« (Thomas H. Marshall) gewannen die Verfechter des Klassensystems seither wieder die Oberhand. Auseinanderdriftende Gesellschaften sind die Folge. Sie fordern Kritik in zweierlei Weise heraus: Zum einen gilt es, die Triebkräfte der Spaltungsbewegung aufzuzeigen, zum anderen, die Frage aufzuwerfen, in welcher Gesellschaft man leben will. Diese lässt sich nur aus den Widersprüchen und Konflikten der Gesellschaft heraus beantworten. Um beide Formen der Kritik geht es im vorliegenden Buch. Sie sind besonders dringlich angesichts des Aufstiegs einer internationalen Rechten, die das Auseinanderdriften nutzen will, um Gesellschaft durch das exklusive »Wir« nationalistischer und völkischer Gemeinschaften zu ersetzen.

»Die Arbeit an einem neuen Gesellschaftsvertrag steht auf der Tagesordnung. Dass dieser nicht mehr systemimmanent im Gegenwartskapitalismus verbleiben kann, aber von dort seinen Ausgangspunkt nehmen muss, weist Kronauer überzeugend nach. [] Die Kritik der auseinanderdriftenden Gesellschaft kann als Wegweiser für die Zeit nach dem Ende der Ära Merkel gelesen werden.« Richard Detje, WSI Mitteilungen, 74. Jg., 6/2021

Autorentext
Martin Kronauer, Soziologe, Politikwissenschaftler und Philosoph, war nach Stationen an der New School for Social Research New York und am SOFI Göttingen bis 2014 Professor für Gesellschaftswissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Leseprobe
Vorbemerkung Was kann ein Buch zur Gegenwartsdiagnose beitragen, das just zu Beginn der sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie abgeschlossen wurde? Ein Buch zumal, das das Auseinanderdriften der Gesellschaft in Deutschland, aber auch anderen europäischen Ländern und den USA zum Gegenstand hat, wo nun, während der Corona Krise, allenthalben gesellschaftliche Solidarität eingefordert und in der Bevölkerung (noch) in einem erstaunlichen Maße praktiziert wird? Ein Buch, das sich mit den sozialen Folgen einer jahrzehntelangen Politik der Unterordnung von Politik unter Marktregeln und Marktmacht auf das Gemeinwesen auseinandersetzt, während gerade in einer noch vor wenigen Wochen unvorstellbaren Weise wieder ein Primat der Politik über die Ökonomie etabliert wurde? Aus einem Buch zur Gegenwartsdiagnose wurde ein Buch zur Diagnose einer erst kurz zurückliegenden Vergangenheit. Aber diese Vergangenheit ist nicht abgeschlossen. Sie wirkt weiter in die Gegenwart hinein. Die Gesellschaften, von denen im Folgenden die Rede ist, gerieten in die Corona Pandemie in einer Verfassung, die vom jahrzehntelangen Auseinanderdriften geprägt war. Das manifestiert sich im problematischen Zustand von Infrastruktur und sozialen Dienstleistungen, insbesondere im Gesundheitswesen, aber auch in der ungleichen Verteilung der sozialen Folgen der Pandemie. Von der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hängt wiederum die Entscheidung über die Zukunft ab. Wenn auch in Deutschland die Gesellschaft nach der Corona-Krise eine andere sein wird als bevor, worin wird das »Andere« bestehen? In einer nach innen wie nach außen stärker egalitär und solidarisch ausgerichteten Gesellschaft? Oder in einer Gesellschaft, die noch schärfer in Gewinner und Verlierer der Krise auseinanderdriften wird? Der »Nachtrag in Zeiten der Corona-Pandemie« greift diese Frage wieder auf. Martin Kronauer Berlin, im Mai 2020 Einleitung: Warum Kritik der auseinanderdriftenden Gesellschaft? Der Ausgangspunkt: Eine Kriegserklärung gegen die Gesellschaft In den 1970er Jahren begann in Westeuropa und den USA ein politischer Krieg gegen die Gesellschaft. Die Kriegserklärung lieferte die Premierministerin von Großbritannien, Margaret Thatcher, 1987 in einem viel zitierten Interview nach: »[] too many children and people [] are casting their problems on society and who is society? There is no such thing! There are individual men and women and there are families and no government can do anything except through people and people look to themselves first. It is our duty to look after ourselves and then also to help look after our neighbours []« (Thatcher 1987). Um eine veritable Kriegserklärung handelte es sich deshalb, weil es nicht ausreicht, Gesellschaft zu leugnen, wie Thatcher es im Interview tut, um sie zum Verschwinden zu bringen. Um aus vergesellschafteten Individuen die vereinzelten Einzelnen (und vereinzelten Familien) zu machen, von denen Thatcher hier spricht, muss erst das Wissen um die Abhängigkeit von Anderen und die Verantwortung für Andere über den Kreis von Familie und Nachbarschaft hinaus getilgt werden, müssen erst die Institutionen, die Menschen erkämpft haben, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu schützen, zerstört werden, muss erst die Macht, die ohnmächtige Einzelne durch ihren Zusammenschluss gegen die Mächtigen gewonnen haben, gebrochen werden. Und darauf zielte in der Tat die Politik der Thatcher Regierung seit dem Ende der 1970er Jahre ab, vor allem ihr Krieg gegen die Gewerkschaften. Von den streikenden Bergarbeitern sprach sie 1984 »als dem inneren Feind« (Schröder 2010: 91). Ihr Vorgehen hat Vorbildcharakter. Noch am 9. Juli 2003 schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung: »Margaret Thatcher ist etwas gelungen, wovon andere Regierungen nur träumen, und sei es insgeheim: die Gewerkschaften in die Knie zu zwingen«. Richtungsweisend wurde bis heute auch ihre Politik der Privatisierungen von Staatsunternehmen und Unternehmen der lokalen Daseinsvorsorge. Um sich die Tragweite des hier proklamierten Angriffs auf die Gesellschaft zu vergegenwärtigen, muss er als Gegenrevolution gegen die »geistig moralische Revolution« verstanden werden, die am Ende des 19. Jahrhunderts eingesetzt hatte. Wie Pierre Rosanvallon in seiner Ideengeschichte der Gleichheit ausführt, wurde »die Aufwertung von Gleichheit und Solidarität gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch durch ein neues Verständnis vom Wesen der Gesellschaft befördert« (Rosanvallon 2013: 224). Dieses neue Verständnis entstand als Antwort auf die neue Realität des industriellen Kapitalismus und die neue gesellschaftspolitische Kraft, die er hervorbrachte, die Arbeiterbewegung. Es breitete sich in verschiedenen geistigen und politischen Strömungen in Frankreich, Deutschland und Großbritannien aus, schloss eine Auffassung des Menschen als genuin gesellschaftliches Wesen ein, das in wechselseitiger Abhängigkeit und somit auch wechselseitiger Verantwortung lebt, gründete das Postulat sozialer Gerechtigkeit nicht mehr auf dem Gebot der Nächstenliebe, sondern auf »der Struktur des Sozialen selbst« (ebd.: 229) und wies dem Staat eine neue Rolle zu: »Es war sogar möglich, die Ausdehnung seiner Tätigkeit zur Voraussetzung für die Verwirklichung der Grundrechte und der Solidarität zu erklären«. Auf diese Weise, schreibt Rosanvallon, »vollzog sich eine regelrechte Neuformulierung des republikanischen Gedankens« (ebd.). Er findet sich im Kern bereits bei Rousseau, im politischen Charakter des Gesellschaftsvertrags: »Jene öffentliche Person, formiert aus der Assoziation aller, hieß früher polis und heißt heute Republik oder Gemeinwesen; wir benutzen die Bezeichnungen politische Körperschaft oder schlicht politischer Körper« (Rousseau [1762] 2012: 29). Gesellschaft, die Assoziation aller, ist mehr als die Summe vereinzelter Einzelner. Sie muss sich politisch als Gemeinwesen konstituieren, um das Allgemeine der Assoziation zur Geltung zu bringen, ohne die Besonderheit der Einzelnen auszulöschen. Gegen Gesellschaft als politisches Gemeinwesen richtete sich Thatchers Kriegserklärung. Mit politischen Mitteln führte sie ihren Kampf. Bürgerrechte und kapitalistisches Klassensystem Wem die Kriegsmetapher zu weit hergeholt erscheint, den möchte ich an einen Autor erinnern, der sich ihrer 1947 ebenfalls in England bedient…

Weitere Informationen

  • Allgemeine Informationen
    • GTIN 09783593513003
    • Auflage 1. A.
    • Sprache Deutsch
    • Genre Politische Soziologie
    • Lesemotiv Auseinandersetzen
    • Anzahl Seiten 257
    • Größe H215mm x B142mm x T17mm
    • Jahr 2020
    • EAN 9783593513003
    • Format Kartonierter Einband
    • ISBN 978-3-593-51300-3
    • Veröffentlichung 30.09.2020
    • Titel Kritik der auseinanderdriftenden Gesellschaft
    • Autor Martin Kronauer
    • Gewicht 334g
    • Herausgeber Campus Verlag GmbH

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