Wir verwenden Cookies und Analyse-Tools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internet-Seite zu verbessern und für Marketingzwecke. Wenn Sie fortfahren, diese Seite zu verwenden, nehmen wir an, dass Sie damit einverstanden sind. Zur Datenschutzerklärung.
Über Grenzen hinweg
Details
Terroristische Netzwerke operieren global, »foreign fighters« schließen sich dem »Islamischen Staat« an und kehren teilweise wieder in ihre westlichen Ursprungsländer zurück. Anhand von Fallstudien aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts bietet dieses Buch eine theoriegestützte Annäherung an das Phänomen grenzüberschreitender politischer Gewalt, wobei es erstmals überhaupt den Aspekt der Transnationalität selbst ins Zentrum rückt. Was sind die Ursachen und Triebkräfte von Transnationalisierungsprozessen? Wie beeinflusst Transnationalität die Akteure, Formen und Ausübung von politischer Gewalt? Und mit welchen Methoden können Historiker transnationale Strukturen und Prozesse untersuchen?
Autorentext
Adrian Hänni ist Dozent für Politikgeschichte an der FernUni Schweiz und Visiting Scholar an der Georgetown University in Washington DC. Daniel Rickenbacher ist Assistent und Lehrbeauftragter am Seminar für Nahoststudien der Universität Basel. Thomas Schmutz ist Doktorand an der Universität Zürich und an der University of Newcastle in Australien.
Zusammenfassung
»Bei 'Über Grenzen hinweg' [handelt es sich] um einen wichtigen Forschungsbeitrag, der bislang kaum bekannte Aspekte der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht nur lesbar aufbereitet, sondern auch ein besseres Verständnis aktueller Phänomene eröffnet.« Thomas Riegler, Sehepunkte, 15.05.2020 »Die Fallbeispiele beleuchten viele Facetten transnationaler politischer Gewalt im 20. Jahrhundert. [...] Aber viele der informativen und aufschlussreichen Beiträge zeigen, wie groß die Forschungslücken noch sind. Um sie zu schließen, braucht es aus den Quellen gearbeitete empirische Studien, wie sie dieser Band enthält.« Johannes Dafinger, rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult, 8.5.2024
Leseprobe
Transnationale politische Gewalt: Grundriss eines neuen historischen Forschungsfelds Adrian Hänni Einleitung Am 21. April 2019, dem Ostersonntag, wurde Sri Lanka jäh von brutaler Gewalt erschüttert. Bei mehr oder weniger gleichzeitig verübten, koordinierten Selbstmordanschlägen auf drei Kirchen und drei Luxushotels verloren über 250 Menschen ihr Leben, weitere 500 wurden verletzt. Als Organisation hinter den Anschlägen wurde rasch die sri-lankische islamistische Gruppe National Thowheeth Jama'ath (NTJ) ausgemacht. Die international wenig bekannte Organisation hatte sich offenbar in den letzten drei Jahren als Gegenreaktion gegen die starke Zunahme extremistischer und mitunter auch gewalttätiger buddhistischer Gruppen gebildet. 2018 musste die Regierung Sri Lankas nach Mob-Attacken gegen Muslime sogar einen landesweiten Notstand ausrufen. Experten rieben sich verwundert die Augen. Wie konnte die NTJ, deren Gewaltrepertoire sich bislang anscheinend auf Vandalismus gegen Buddha-Statuen beschränkt hatte, eine solch komplexe Anschlagserie durchführen, die einiges an taktischer Expertise und finanziellen Mitteln abverlangte? Die folgenden Tage brachten etwas Klärung. Der Islamische Staat (IS) übernahm die Verantwortung für das Massaker. Später erschien zudem ein Video mit IS-Oberhaupt Abu Bakr al-Baghdadi, in dem einer der führenden Attentäter einen Treueeid auf den IS ablegt. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte letzterer die Militanten des NTJ logistisch, mit taktischer Beratung und möglicherweise militärischer Ausbildung unterstützt. Da Muslime in Sri Lanka in den letzten fünf Jahren häufig von buddhistisch-extremistischen Gruppen angegriffen wurden und die Gewalt der NTJ zuvor gegen buddhistische Ziele gerichtet war, könnte der IS auch die Auswahl der Ziele christliche Kirchen und Touristen beeinflusst haben. Die Hintergründe der Selbstmordanschläge werden noch im Detail zu recherchieren sein. Die Bluttat ruft aber in jedem Fall eindringlich in Erinnerung, welche Bedeutung Transnationalität bei der Manifestation von politischer Gewalt zukommen kann. Transnationale politische Gewalt hat in den letzten Jahren immer wieder die Schlagzeilen dominiert. Der IS und andere gewalttätige jihadistische Gruppen gehörten dabei nicht nur zu den brutalsten Akteuren, sie fanden in der öffentlichen Diskussion auch besonders viel Aufmerksamkeit. In einem Aufsatz von bemerkenswerter analytischer Klarheit hat Martha Crenshaw die verschiedenen transnationalen Elemente aufgeschlüsselt: Als Bürgerkriegsakteure im Nahen Osten, in Afrika und in Asien führen jihadistische Gruppen terroristische Gewalt in Nachbarländern und im Westen durch, sie rekrutieren foreign fighters und inspirieren bisweilen lone actors in westlichen Gesellschaften zu Gewaltakten. Außerdem gehen sie transnationale Koalitionen ein, die weit voneinander entfernt liegende lokale Konflikte miteinander verknüpfen, besonders augenscheinlich etwa die verschiedenen »al-Qaida-Ableger« ab den späten 2000er Jahren und die »Provinzen« des IS außerhalb von Irak und Syrien ab 2014. Schließlich überqueren jihadistische Gruppen nationalstaatliche Grenzen, um in Ländern mit geschwächter Zentralgewalt sichere Rückzugsgebiete zu finden. Einige gewalttätige Akteure mit islamistischer Ideologie handeln zunächst im nationalen oder gar lokalen Rahmen und entschließen sich zum Teil erst nach Jahren des bewaffneten Kampfes für eine Transnationalisierungsstrategie. Beispielhaft ist Boko Haram, eine zunächst nichtgewalttätige, politisch-religiöse Organisation, die ab 2009 einen bewaffneten Aufstand im Nordosten Nigerias führte. Im Jahr 2014 begann Boko Haram in Kamerun, Tschad und dem Niger Anschläge zu planen. Diese Nachbarstaaten Nigerias hatten von der Afrikanischen Union ein Mandat erhalten, die Ausbreitung der jihadistisch mobilisierten Gewalt einzudämmen. 2015 kam es zu einem weiteren Transnationalisierungsschritt. Boko Haram schwor dem Islamischen Staat Treue und erhielt vom IS in der Folge propagandistische Unterstützung. Der Doppelanschlag auf zwei Moscheen in der neuseeländischen Stadt Christchurch, der 50 Menschen das Leben kostete, führte im März 2019 auch einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen, dass transnationale terroristische Gewalt nicht nur ein islamistisches Phänomen ist. Der nicht zuletzt durch mehrere Europareisen radikalisierte, rechtsextreme australische Attentäter Brenton Tarrant war ideell stark von der französischen Génération Identitaire und der Identitären Bewegung Österreichs (IBÖ) beeinflusst. Tarrant rezipierte insbesondere die in jenen rechtsradikalen Milieus populäre und etwa vom IBÖ-Führer Martin Sellner prominent verbreitete Verschwörungstheorie des »großen Austauschs«, gemäß der liberale Politiker im Westen das Ziel verfolgten, weiße Europäer durch muslimische Einwanderer zu ersetzen. Dieser Ideentransfer widerspiegelt sich im Manifest des Gewalttäters, das sogar den Namen The Great Replacement trägt. Darin erklärt Tarrant weiter, dass er von rechtsextremistischen Anschlägen in Norwegen, den USA, Italien, Schweden und England beeinflusst worden sei. Außerdem würdigte Tarrant den Attentäter des Anschlags auf eine Moschee in Quebec im Januar 2017, dessen Ansichten ebenfalls rechts-radikal, antimuslimisch und vom »weißen Nationalismus« geprägt waren, indem er seinen Namen auf eine der eingesetzten Waffen schrieb. Dieser kanadische Attentäter wiederum hatte sich ausführlich mit Dylan Roof beschäftigt, der im Juni 2015 bei einem Anschlag auf eine Kirche in Charleston im US-Bundesstaat South Carolina neun schwarze Gläubige getötet hatte, mit dem Ziel, einen Rassenkrieg auszulösen. Diese Kette von Verbindungen gibt einen Einblick in ein informelles, weltweites Netzwerk, durch welches Ideen und gewaltförmige Taktiken zirkulieren. Die durch dieses Netzwerk lose miteinander verbundenen Gewaltakteure denken zumeist global, haben die Errichtung einer transnationalen Bewegung zum Ziel und sehen sich als Teil einer weißen imagined community. Ihre Gewalttaten im Westen ereigneten sich in den letzten Jahren in größerer Häufigkeit. Gemäß einer Analyse, die sich auf Daten der Glob…
Weitere Informationen
- Allgemeine Informationen
- GTIN 09783593516455
- Editor Adrian Hänni, Daniel Rickenbacher, Thomas Schmutz
- Schöpfer Adrian Hänni, Daniel Rickenbacher, Lucas Federer, Max Gedig, Martin Göllnitz, Florian Grafl, Ibolya Murber, Matthias Thaden, Vojin Sasa Vukadinovic, Florian Wenninger, Robert Wolff, Michel Wyss
- Beiträge von Lucas Federer, Max Gedig, Martin Göllnitz, Florian Grafl, Adrian Hänni, Ibolya Murber, Daniel Rickenbacher, Matthias Thaden, Vojin Sasa Vukadinovic, Florian Wenninger, Robert Wolff, Michel Wyss
- Sprache Deutsch
- Auflage 2. A.
- Größe H215mm x B142mm x T24mm
- Jahr 2022
- EAN 9783593516455
- Format Fester Einband
- ISBN 978-3-593-51645-5
- Veröffentlichung 30.04.2022
- Titel Über Grenzen hinweg
- Untertitel Transnationale politische Gewalt im 20. Jahrhundert
- Gewicht 462g
- Herausgeber Campus Verlag GmbH
- Anzahl Seiten 371
- Lesemotiv Verstehen
- Genre Zeitgeschichte (1946 bis 1989)